Genderangst

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Die Bonner Stadtverwaltung1 wird ab sofort in öffentlichen Texten gendern. Sie hat beschlossen, eine gendergerechte Sprache einzuführen, damit sich alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, angesprochen fühlen – und nicht nur mitgemeint.

Auch andere Behörden und Verwaltungen in anderen Städten und Landkreisen gehen diesen Schritt hin zu mehr Gendergerechtigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen.

Was mich verstört und auch sehr erstaunt, sind die zum Teil heftigen und ablehnenden Reaktionen vieler Menschen zu diesem Thema. Ich lese dazu Kommentare auf Facebook und Instagram und höre dazu auch Stimmen aus meinem eigenen Umfeld.

Die Ablehnung kleidet sich oft in den Mantel der Rettung unserer schönen deutschen Sprache. Auch ich liebe und beschäftige mich mit Sprache. Indem ich auch Fremdsprachen lerne, verstehe ich, dass Sprache eine sehr persönliche Sache ist und die Mentalität der Menschen, die sie sprechen, ausdrückt.

Mich wundert allerdings, wie heftig sich hier gewehrt wird, wenn es darum geht, ein Zeichen einzuführen, welches zu mehr Sichtbarkeit von Menschen führen kann, die sonst meist vergessen werden. Unsere momentane deutsche Sprache spiegelt vor allem das männliche, weiße, heterosexuelle Patriarchat. Wir haben uns an diese Art zu sprechen so gewöhnt, dass es in unseren Ohren befremdlich klingt, wenn in Nachrichtensendungen im Radio und im Fernsehen plötzlich ein Glottisschlag zwischen dem so genannten generischen Maskulin und dem angehängten „innen“ für die weiblichen Personen erklingt. Diese kleine gesprochene Lücke weist darauf hin, dass es außer weiblichen und männlichen Personen auch noch die Menschen gibt, die sich nicht einem der beiden Geschlechter eindeutig zuordnen können. In geschriebener Sprache wir diese kleine Gedankenlücke mit einem Sternchen odert einem Doppelpunkt sichtbar gemacht.

Es ist wirklich nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, hier etwas dazuzulernen und sich etwas Neues anzugewöhnen, aber ein großer Schritt für all die, welche bisher höchstens mitgedacht aber meistens vergessen wurden.

Ich habe den Verdacht, dass die ablehnenden Reaktionen so drastisch und oft auch beleidigend ausfallen, weil es hier um mehr geht, als die Schönheit der Sprache zu retten.

Plötzlich sollen sich privilegierte Menschen damit auseinandersetzen, dass die Welt um sie herum nicht so homogen und konservativ ist, wie sie sie immer noch gerne sehen. Sie wollen zum größten Teil nicht wahrhaben, dass die Ehe und Familie mit zwei Kindern nicht mehr die alleinige Lebensform für deutsche Menschen ist. Alles was von der Norm (der fünfziger Jahre?) abweicht, erscheint ihnen abartig. Ja, so sind wir fast alle noch erzogen worden. Das Ideal ist es, einen geradlinigen Lebenslauf mit früher Liebe, Heirat und Bausparvertrag vorweisen zu können. Immer noch! Dazu ein Häuschen mit Garten, ein zwei nette Kinder, ein familientaugliches Auto, mit dem man bequem für drei Wochen im Sommer ans Meer fahren kann.

Das ist nach wie vor der deutsche Traum eines gelingenden Lebens.

Alle Lebensentwürfe, die von dieser „Norm“ abweichen, werden mit Argwohn betrachtet – und bekämpft. Leider klappt das mit dem Bekämpfen nicht mehr so gut, denn es werden immer mehr, die von dieser vermeintlichen Norm abweichen. Selbst im kleinsten Eifeldorf muss man mit Patchwork- und Regenbogenfamilien rechnen. Sie kommen überall bedrohlich näher, die bunten Lebensgemeinschaften und ihre neuen Lebensentwürfe. Sagen darf man nichts … leider.

Und jetzt auch noch die Sprache anpassen? Endlich! Hier darf ich aufbegehren, hier darf ich mich wehren. Rettet die deutsche Sprache!

Aber unsere deutsche Sprache war immer schon ein Spiegel unseres Lebens. Wir haben keine Sprachwächter wie z.B. in Frankreich. Unser Duden zeichnet immer schon auf, wie die Deutschen sprechen. Er schreibt nicht vor, sondern nur für eine gewisse Zeit fest, wie gesprochen wird. Wenn neue Sprachtrends festgestellt werden, kommen sie in den Duden. So läuft das mit unserer deutschen Sprache. Sie ist lebendig und kraftvoll und kann sich immer wieder anpassen.

Warum wehren sich die Menschen so vehement dagegen, Veränderungen zuzulassen? Wovor haben sie eigentlich Angst? Keiner, der jetzt so heftig aufbegehrt, muss seine Sprache ändern. Keinem und keiner wird irgend etwas weggenommen oder abgesprochen. Woher also dieser Unmut? Ist es die uneingestandene Angst, Privilegien zu verlieren? Ist es die Befürchtung, dass durch eine andere, gerechtere Sprache die falsche „Norm“ aufgegeben werden muss? Wird durch eine transparentere Sprache die Benachteiligung so vieler Menschen so offensichtlich, dass keine*r mehr wegschauen kann? Sind das die eigentlichen Ängste?


1https://www.bonn.de/themen-entdecken/soziales-gesellschaft/geschlechtergerechte-sprache.php


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